Nordkurier vom 13.10.2005
Haffzeitung:
Deutsch-mexikanisches Gitarrenduo begeistert
Ueckermünde: Miguel de Hoyos hat sich verändert. Seine Haare sind kürzer, und er ist noch symphatischer geworden. Was sich nicht geändert hat, ist die Begeisterung des Publikums für diesen Mann, denn die Kreuzkirche war diesmal noch voller, ja beinahe übervoll. Jede Ecke des Gotteshauses wurde in Beschlag genommen. Beinahe genau zwei Jahre ist es her, als der mexikanische Gitarrenvirtuose erstmals in Ueckermünde ein Konzert gab. Zustande kam es durch seinen deutschen Kollegen und Freund Jörg Nassler, der wiederum den Ueckermünder Buchhändler Holger Brandstädt gut kennt. Diesmal schaffte es Brandstädt und der Kulturverein Weitblick, dass beide Gitarristen in Ueckermünde spielten. Ein Deutscher und ein Mexikaner als Gitarrenduo - da durfte man gespannt sein. Die Spannung wurde von Jörg Nasser und Miguel de Hoyos schnell aufgelöst, denn der Dresdner stand in Temperament und auch Gesangskunst dem Mexikaner in nichts nach, na, in fast nichts. Die Stimme von de Hoyos war dann von einem Deutschen doch nicht zu toppen. Es wurde ein unvergesslicher Konzertabend bis zum Wiedersehen in zwei Jahren.
Feuilleton :Teuflische Himmelsmusik
Von Bea Bernstein
Ueckermünde. So beginnen die Märchen der modernen Welt, die Liebesbeziehungen in einer Zeit, die als unromantisch verschrien ist: Als der Dresdner Gitarrist Jörg Nassler vor zwei Jahren kurz entschlossen seinen bis dahin noch "under cover" zupfenden Kollegen aus Mexiko Miguel de Hoyos mit in das verträumte Kaff am Haff brachte, stand ganz Ueckermünde Kopf. Oder besser: Es stand an. Nach Karten. Eine Schlange wie einst vor dem Moskauer Lenin-Mausoleum - von der Kreuzkirche bis einmal rund ums Arbeitsamt. Ein Bild, das den Veranstaltern von der Friedrich-Wagner- Buchhandlung noch heute im Rückblick viel Vergnügen bereitet. Es war Liebe auf den ersten Blick - das Publikum war hin und weg und nun am Dienstagabend pünktlich zum aktuellen Auftritt der kosmopolitischen Saitenteufel wieder in der Kreuzkirche.
Gute Musik scheint wie ein Lebenselixier für die Ueckermünder zu sein. Eine solch wache, enthusiastische Zuhörerschaft bei einem populären Kammerkonzert scheint in Deutschland kaum ein zweites Mal denkbar - so etwas gibt es gerade mal in Finnland und beim Israel-Kammermusikfestival, wo hochkarätige Solisten gratis musizieren! Einmalig auch die Publikums-Durchsetzung: Für Nassler und de Hoyos und deren Akustik-Zaubergitarren interessiert sich der Punk mit dem aufgepuschelten Haarstreifen ebenso wie das nette Ehepaar von nebenan, die Kleinfamilie, die Fraktion der Socken-in-Sandalen-Träger und das durchschnittlich 80-jährige Damenkränzchen. Eine Atmosphäre, von der viele Konzertveranstalter nur träumen.
Die beiden Konzertgitarristen ergänzen einander auf geradezu traumwandlerische Weise in ihrer jeweiligen Vorliebe für das Unberechenbare in der Musik - und der Selbstverständlichkeit, mit der jeder Einzelne die Augenblickseinfälle des anderen aufnimmt, weiter trägt und zurückspielt. Deshalb klingt nichts wie am Abend zuvor. Was der Deutsche und der Mexikaner liefern, gehört zum Innovativsten und verwegen-Virtuosesten, was im Sektor nicht klassischer Gitarrenmusik in Europa herumhüpft.
Dabei ist die Grundlage ihrer Musik so klassisch wie ihre Haltung: geradlinig und konzentriert. Selbstbewusst und hemmungslos pfeffern sie da hinein eine coole Prise Jazz, einen feurigen Schuss Flamenco, heißen Latin, fernöstliche Folklore, aber auch traditionelle Mariachi-Rhythmen, Rumba, Tango, Bolero; und auch vor Groovigem schrecken die beiden Abenteurer nicht zurück.
Miguel de Hoyos hat bei dieser Gelegenheit mal eben den berühmten Ravel-Bolero für Gitarre bearbeitet: dieses Orchesteruniversum für Gitarrensaiten? Unglaublich, aber faszinierend und rattenscharf umgesetzt - sich steigernd, drängend, den Grundrhythmus der "Trommeln" niemals vergessend.
Auf der Alm, da gibt's koa Sünd, weiß Jörg Nassler, der sein Publikum mit allerlei wildem Instrumentarium und einem klanglichen Bergidyll-Teppich zum Hörspiel animiert: Kann mir mal jemand ein Schaf geben? Und wirklich: Von der Empore blökt es entspannt herunter. Das Publikum enthemmt. Eine mentale Situation, welche das Duo weiter ausnutzt: im Rodeo- Sound geht's durch eine Stierkampfarena, Vögelchen werden in einem paraguayischen Volkslied eingesperrt und " flatter, flatter " wieder freigelassen. Die beiden können ganze grimmige Muchacho-Banden Kaffee trinkend am Lagerfeuer imitieren oder Liebeslieder unter imaginären Fenstern des Liebchens singen. Kraftvoll, expressiv, rhythmisch, brillant und entfesselt begeistern Nassler und de Hoyos die Zuhörer, die nach über drei Stunden teuflischer Himmelsmusik inklusive Hummelflug lange nicht bereit sind, ihre Helden gehen zu lassen.
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